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Delir: Ein häufiges Syndrom in Alter - eine interdisziplinäre Herausforderung

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Akute Verwirrtheit - Delir im Alter. Praxishandbuch für Pflegende und Mediziner

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Presbyphagie
Altersbedingte Vernderungen des Schluckvorgangs
Von Martina Gasper und Joke Badalati-Welten

1. Neuronale Steuerung des Schluckvorgangs
Schlucken oder Deglutition kann definiert werden als "die halbautomatische Aktion der Muskeln des Atmungs- und des Gastrointestinaltrakts, durch die die Nahrung aus der Mundhhle in den Magen befrdert wird. Durch diese Aktion werden auch Sekrete und Partikel aus den oberen Atmungswegen entfernt und der Atemapparat wird vor eindringenden Partikeln geschtzt" (Miller 1986).

Der Schluckvorgang umfasst verschiedene separate Phasen, die alle in einer Wechselwirkung zueinander stehen : die prorale -, die orale -, die pharyngeale - und die sophageale Phase. (Buchholz 1987;Donner et al. 1995; Logemann 1983; Bass und Morell 1984). Auch die verschiedenen Schluckzentren sind nicht nur fr eine, sondern fr mehrere Phasen des Schluckens zustndig. Beim Schluckvorgang sind ca. 50 Muskelpaare zeitlichrumlich aktiv.

Die orale Phase ist willentlich beeinflussbar. Bilateral kortikale Schluckzentren steuern ber den Tractus corticobulbaris berwiegend die kontralateralen Hirnnervenkerne V, VII und XII an, durch diese werden fr die orale Schluckphase relevante Muskelgruppen stimuliert.

Die pahryngeale Phase beginnt sobald der Bolus = Nahrungsball die Schlundenge (Isthmus faucium) passiert hat. Sie ist nicht mehr dem Willen unterworfen, sondern stellt einen reflektorischen Vorgang dar. Die zentrale Steuerung bernehmen hierbei zwei Schluckzentren, die sich in der oberen Medulla oblongata befinden.

 

2. Presbyphagie
Zu einer Presbyphagie fhren altersbedingte Vernderungen wie Zahnverlust, trockene Schleimhaut, verringerte Muskelkraft und Verkncherung des Kiefergelenks. Die Reaktionszeit neuromuskulrer Funktionen sind verlngert, der Schluckreflex verzgert. Im Gegensatz zu jungen Menschen besteht weder Flexibilitt noch eine funktionelle Reserve. Dies ist die Ursache eines hheren Aspirationsrisikos lterer Menschen bei Schwchung durch Allgemeinerkrankungen, welche nicht unbedingt einen Bezug zum Schlucksystem aufweisen mssen.

 

3. Anatomie und Physiologie des Schluckens, altersbedingte Vernderungen und Kompensationsmglichkeiten

3.1 Pr-orale Phase : Bolustransport zum Mund

Anatomie und Physiologie   Presbyphagie  Kompensationsmglichkeiten 

Sehen, riechen, erkennen der Speise

Oberkrperhinwendung

Auge-, Hand-, Mundkoordination

Lippen- Kieferffnung

Lippenschrzung

Anstieg der Speichelsekretion

Schluckreflexaktivierung
 

Wahrnehmungsstrung : Patient erkennt
Speise nicht Mundffnung bleibt aus

Koordinationsstrung : Nahrungsfhrung
zum Mund gestrt bzw. unmglich 

Stabiler Sitz bzw. Langsitz

Positionierung der Nahrung im
Gesichtsfeld des Patienten

Kieferkontrollgriffe

Gefhrte Nahrungsaufnahme 

3.2 Orale Phase : Bolustransport vom Mundraum zum Oropharynx

Anatomie und Physiologie   Presbyphagie  Kompensationsmglichkeiten 

Kiefer- und Lippenschluss

Kauen, einspeicheln, Bolusformung

Boluszentrierung in der Zungenschssel

Bolustransport durch wellenartige
Zungenbewegung

Nasopharynxabschluss durch
Velumkontraktion
 

Zahnverlust, schlecht sitzende Prothese : Abbeien, zerkauen und abnehmen der Nahrung vom Lffel deutlich gestrt

Schleimhauttrockenheit

Mundschluss insuffizient : Speichel u./o. Nahrung flieen aus dem Mund

Kaufunktionen insuffizient : Nahrungsbolus kann nicht geformt
werden

Zungenhebung und -rckschub insuffizient : Nahrung kann nicht Richtung Gaumen transportiert werden,  Nahrungsreste bleiben auf u./o. unter der Zunge, in den Wangentaschen, am Gaumen und an der Rachenhinterwand liegen. ,Unter.Umstnden schluckt der
Patient mehrmals nach

Haftcreme anwenden

Vor Nahrungsaufnahme Glandosane (knstlicher Speichel) anwenden

Kieferkontrollgriffe anwenden

Weiche bzw. passierte Kost anbieten

Kleine Bissen anbieten

Nahrung auf den hinteren Teil der Zunge positionieren

Mit Lffel leichten Druck auf die Zunge ausben

Patient Zeit zum Nachschlucken lassen

Stabile Sitzposition

Aufrechte Kopfhaltung. Kinn leicht zur Brust gesenkt

 

3.3 Pharyngeale Phase : Bolustransport von den vorderen Gaumenbgen zum oberen sophagussphinkter

Anatomie und Physiologie   Presbyphagie  Kompensationsmglichkeiten 

Schluckreflexauslsung

Reflektorischer Larynxverschluss
- Kehlkopf Hoch- und Vorverlagerung
- Kehldeckelschluss
- Ventricularisschluss
- Stimmbandschluss
>> Atmung stoppt

ffnung des oberen sophagussphinkters

Schluckreflex verzgert : Schlucken erfolgt erst nach mehrmaligem Pumpen ( Schluckanlufe )

Kehlkopfhebung reduziert : Kehlkopfverschluss eingeschrnkt, Stimme klingt nass-gurgelnd, u.U. hustet oder ruspert der Patient

Pharyngeale Kontraktion eingeschrnkt : Nahrungsaufstau im Rachen, Patient klagt ber Klogefhl, Steckenbleiben der Nahrung

ffnung des oberen sophagussphinkters gestrt : Unter U. ruspert/hustet der Patient die Nahrung hoch

Stabiler Sitz bzw. Langsitz

Aufrechte Kopfhaltung, Kinn leicht Richtung Brust gesenkt

Erhhung des sensorischen Inputs.z.B. durch warme/khle Getrnke oder strker gewrzte Speisen

Weiche bzw. passierte Kost

Flssigkeiten andicken (1-2 Lffel Quick und Dick / 200ml)

Krftiges Schlucken

Leer nachschlucken

Nach Nahrungsaufnahme ca. 30 Minuten aufrecht sitzen

3.4 sophageale Phase : Bolustransport vom oberen sophagussphinkter zum Magen

Anatomie und Physiologie   Presbyphagie  Kompensationsmglichkeiten 

ffnung des unteren sophagussphinkters

ffnung des Nasopharynx durch Velumentspannung

ffnung des Kehldeckels

ffnung des Ventricularisschlusses

ffnung des Stimmbandschlusses
>> Atmung erfolgt

Peristaltische Bewegungen des sophagus

ffnungszeit des unteren sophagussphinkters passt sich nicht mehr der Bolusviskositt an

sophagusmotilittsstrungen

Stabiler Sitz bzw. Langsitz

Nach Nahrungsaufnahme ca. 30 Minuten aufrecht sitzen

 

4. Kieferkontrollgriffe

 



 Kontrollgriff bei korrekter Kopfhaltung ( Hemiplegie rechts )

 

 

Kontrollgriff bei unkontrollierter Kopfhaltung ( Hemiplegie rechts )

 

 

5. Manahmen beim Verschlucken

  • Ruhe bewahren
  • Zahnprothese entfernen
  • Patienten zum Ruspern/Husten auffordern
  • Kopf und Rumpf des Patienten nach vorne Richtung Knie beugen und mehrere
    male ber das Brustbein Richtung Kopf streichen bzw. vibrieren
  • Nichts zum Essen oder Trinken anbieten


6. Anzeichen einer mglichen Aspiration

  • Gewichtsverlust
  • Unklares schnelles Auffiebern
  • Lngeranhaltende erhhte Temperatur
  • Pneumonie
  • Hufiges Ruspern und/ oder Husten whrend oder kurz nach dem Essen bzw. Trinken

Bei Hinweis auf eine behandlungsbedrftige Schluckstrung bitte mit Logopdie Kontakt aufnehmen.

 

7. Allgemeine Hinweise zur Essensbetreuung von geriatrischen Patienten

  • Stabile Sitzposition, Kopf aufrecht, Kinn leicht Richtung Brust gesenkt
  • Ruhige Umgebung, whrend des Essens nicht plaudern
  • Zeit lassen, Pausen einlegen, eventuell mehrere kleine Mahlzeiten anbieten
  • Kleine Bisse, kleine Schlcke nehmen ( Nasenausschnittsbecher)
  • Gut kauen lassen
  • Anschlieende Mundpflege ( Aspirationsprophylaxe ! )
  • Patient sollte ca. 30 min aufrecht sitzen um Reflux und evt. Aspiration zu vermeiden

 

 
 
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